Wie lässt sich das Phänomen der Globetrotter erforschen? Welche Quellen können herangezogen werden, um die Wege jener zu rekonstruieren, die mit einfachen Mitteln um die Welt gereist sind? Dieser Beitrag stellt Methodik und Herausforderungen einer über zwanzig Jahre hinweg durchgeführten Forschung vor, die sich Reisenden widmet, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts das Reisen zu einer demokratischen Form der Erkundung gemacht haben.
Wer ist ein Globetrotter?
Ein Globetrotter ist eine Person, die über längere Zeiträume hinweg um die Welt reist, oft mit begrenzten Mitteln und ohne kommerzielle Zielsetzung. Im Museum of Travel wird der Begriff nicht im engen Sinn verwendet. Er bezeichnet nicht nur Personen, die eine erklärte Weltumrundung oder eine demonstrative Leistung vollbracht haben, sondern umfasst alle, die durch das Reisen zur Entstehung eines kollektiven Weltbildes beigetragen haben.
Zum Repertoire gehören daher:
- Entdecker und Reisende
- Langstreckenradfahrer und -wanderer
- Schriftsteller und Tagebuchautoren
- Missionare, Abenteurer, Reporter
- Zeitgenössische Figuren, die die Bedeutung globaler Mobilität neu definiert haben
Was diese Personen verbindet, ist nicht nur die zurückgelegte Distanz, sondern die kulturelle Wirkung ihrer Reisen: die Fähigkeit, Reiseerfahrungen in Erzählung, Zeugnis, Wissen, Mythos oder Symbol zu überführen.
Paradoxerweise schließt diese Perspektive auch fiktive Globetrotter sowie jene ein, die ihre Vorhaben nicht vollständig verwirklicht haben. Selbst wenn eine Reise unvollständig, übertrieben oder literarisch konstruiert ist, trägt sie zur Entstehung von Vorstellungen, Erwartungen und Mobilitätsmodellen bei. Das Reiseimaginaire entsteht nicht allein aus tatsächlich zurückgelegten Kilometern, sondern auch aus erzählten oder vorgestellten Geschichten. Auch fiktive Figuren spielen dabei eine Rolle: Man denke etwa an den Einfluss von Phileas Fogg auf Generationen von Reisenden.
In diesem Sinne ist der Globetrotter zunächst eine historische und kulturelle Figur und erst in zweiter Linie eine geografische. Jede dokumentierte Reise – ob real, unvollständig oder narrativ – wird Teil eines Geflechts von Repräsentationen, das die Vorstellung von „Welt“ in unterschiedlichen Epochen prägt.
Die Figur des Globetrotters beruht vor allem auf:
- Abenteuer und persönlicher Entdeckung
- Herausforderung gegenüber sich selbst oder der Zeit
- Autonomie in den Mitteln und in der Routenwahl
Die Forschung: Quellen und Methodik
Dieses Verzeichnis ist das Ergebnis von mehr als zwanzig Jahren Forschung in Bibliotheken und Archiven. Die verwendeten Quellen sind heterogen und werden, soweit möglich, miteinander abgeglichen, um ihre Zuverlässigkeit zu prüfen:
- Postkarten und Materialien, die von den Globetrottern selbst erstellt wurden
- Historische Archive von Zeitungen und Zeitschriften
- Reisetagebücher und veröffentlichte Berichte
- Fachliteratur und digitale Ressourcen
- Archivmaterialien
Die Herausforderungen der Forschung
Das Thema ist schwer abzugrenzen. Wer kann tatsächlich als Globetrotter gelten? Wie lassen sich Kriterien der „Zertifizierung“ festlegen? Viele Mikrogeschichten erweisen sich als wenig belastbar: eingehende Untersuchungen haben häufig Elemente teilweiser oder vollständiger Fiktion aufgezeigt. Angaben auf historischen Postkarten sind beispielsweise mit Vorsicht zu interpretieren, da sie oft Teil kommerzieller Strategien oder der Selbstfinanzierung waren.
Auswahlkriterien
Die im Portal berücksichtigten Initiativen weisen folgende Merkmale auf:
- Spontaneität und fehlende kommerzielle Ausrichtung
- Eigenständiges Projekt mit klarem Anfang und Ende
- Wirkung auf das kollektive Vorstellungsvermögen, gemessen an zeitgenössischer Berichterstattung, Neuauflagen von Reiseberichten und ihrer Rezeption im öffentlichen Diskurs
- Originalität im Ansatz oder in der Umsetzung
Der Bezugszeitraum
Der Katalog konzentriert sich hauptsächlich auf den Zeitraum 1850–1945. Das Jahr 1850 markiert den Beginn einer neuen Phase:
- Thomas Cook entwickelt die ersten internationalen Pauschalreisen
- Die Weltausstellungen entstehen (London, 1851)
- Die Reiseliteratur erlebt einen Aufschwung mit Autoren wie Mark Twain und Robert Louis Stevenson
Diese zeitliche Abgrenzung ist nicht zufällig: Das Phänomen des Globetrottings entsteht teilweise als Reaktion – und mitunter als bewusste Alternative – zur aufkommenden organisierten Tourismusindustrie. Die Spannung zwischen individuellem und kommerziellem Reisen bildet einen zentralen Deutungsansatz.
Das Jahr 1945 stellt eine symbolische Zäsur dar: Das Ende des Zweiten Weltkriegs verändert Gesellschaft und Weltwirtschaft grundlegend. Der Tourismus entwickelt sich zunehmend zu einer Massenindustrie.
Das Portal umfasst auch spätere und zeitgenössische Globetrotter. Dadurch wird eine diachrone Perspektive ermöglicht, die Kontinuitäten und Veränderungen einer Praxis sichtbar macht, die nicht mit der Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts endet.
Wie man die Profile konsultiert
Das Portal bietet für jeden Globetrotter eine eigene Seite mit den verfügbaren Informationen und weiterführenden Quellen. Die Inhalte können von der Nutzergemeinschaft ergänzt oder korrigiert werden, was eine kontinuierliche Aktualisierung gewährleistet – insbesondere bei externen Webverweisen.
Diese Seiten bieten einen strukturierten Einblick in ein Phänomen, das zur Demokratisierung des Reisens beigetragen hat: keine abgeschlossene Enzyklopädie, sondern ein lebendiges Archiv, offen für Forschung und kollektive Mitwirkung.
Hinweis zur Sprache
Im Museum of Travel wird eine personenzentrierte Sprache (people-first language) verwendet. Formulierungen, die die Identität einer Person auf eine Eigenschaft reduzieren, werden vermieden. Wenn bestimmte Merkmale für das Verständnis der Reiseerfahrung relevant sind, werden neutrale und beschreibende Ausdrücke verwendet, etwa „eine blinde Reisende“ oder „eine Reisende im Rollstuhl“.